Naturethik im Anthropozän

Quelle: Tumisu/Pixaby, creativ commons

Unter dem Schlagwort „Anthropozän“ wird seit gut zwei Jahrzehnten thematisiert, dass wir in einer Zeit leben, in der die Veränderungen der Biosphäre maßgeblich von Menschen verursacht werden. Umstritten ist zwar, ob „Anthropozän“ als geologischer, also deskriptiv-naturwissenschaftlicher Begriff schlüssig definiert werden kann – und die zuständige geologische Kommission hat die Ablösung des Holozäns durch ein Anthropozän zunächst einmal abgelehnt. Weitgehend unumstritten ist hingegen, dass der Anthropozän-Begriff als dichter ethischer Begriff, der deskriptive und normative Bedeutungsinhalte verbindet, auf eine gesellschaftspolitische Problemkonstellation hinweisen soll: Die bereits weit reichenden menschlichen Veränderungen und die Möglichkeiten künftig noch weiter reichenderer anthropogener Veränderungen der Biosphäre z.B. durch Geoengineering und Grüne Gentechnik müssen insbesondere in naturethischer und umweltpolitischer Hinsicht sowie in Hinblick auf das Verhältnis von Mensch und Natur bzw. Kultur und Natur bzw. Gesellschaft und Natur analysiert, diskutiert und bewertet werden.
In Anthropozän-Diskursen wird angesichts der allgegenwärtigen anthropogenen Veränderungen der Biosphäre nicht selten die Ansicht vertreten, dass die Natur an ein Ende gekommen sei und/oder die Unterscheidung von Natur und Kultur hinfällig geworden sei; aber es gibt auch Gegenstimmen zu solchen Ansichten. Vielleicht noch kontroverser sind die Anthropozän-Diskurse in der Frage, wie das Verhältnis der Menschen zur Natur künftig zu gestalten sei: Das Spektrum reicht von technikoptimistischen Visionen umfassender technischer Beherrschung und Konstruktion, die postnaturalistisch alle Beschränkungen durch Natur hinter sich lässt, bis zu technophob-kulturpessimistischen Visionen, die naturalistisch eine Wiedereinordnung des Menschen in die Natur für notwendig halten. Dieses Spektrum korreliert mit unterschiedlichen Positionen in der Frage, ob der Mensch eine Sonderstellung in der Welt einnimmt und einnehmen sollte.
Diese Anthropozän-Diskurse überschneiden sich mit anderen Diskursen, die in den letzten Jahren an Einfluss gewonnen haben, in denen ebenfalls das Verhältnis bzw. die Unterscheidung von Mensch und Natur bzw. Kultur und Natur kritisch hinterfragt wird. Gefordert wird unter anderem ein sog. „relational turn“ für die Anthropologie, die Ethnologie/Ethnographie, die Nachhaltigkeitswissenschaften, die Naturethik, die Theorie des Naturschutzes usw., mit dem beispielsweise an die Stelle der Analyse von Kultur-Natur-Beziehungen die Analyse von Multi-Spezies-Beziehungen tritt.
Im Projekt „Naturethik im Anthropozän“ wird unter anderem dieser Trend, die Unterscheidung von Natur und Kultur zugunsten symmetrischer Ontologien aufzugeben, in unterschiedlichen Hinsichten analysiert. Daraus sind unter anderem die folgenden Forschungsergebnisse hervorgegangen:
 
In Vorbereitung sind zudem die folgenden Inhalte:
  • Publikation „Environmental Ethics in the Anthropocene: Other Humans Instead of Nature as the Yardstick" in Noller (2026): Anthropozän - Ethik und Ästhetik. Mentis.
  • Publikation „‘Natur‘ und ‘Kultur‘. Über eine umstrittene Unterscheidung und eine anthropozentrische Naturethik, die besser ist als ihr Ruf“ / „‘Nature‘ and ‘culture.‘ On a contested distinction and an anthropocentric ethic of nature better than its reputation“ in Steiner et al. (2026): „Leben im Posthumanismus“. transcript. Bielefeld.
Ansprechpartner

PD Dr. Thomas Kirchhoff

Wissenschaftlicher Referent Arbeitsbereich "Theologie und Naturwissenschaft"