Titel: Studien zu einer „Ethnologie der evangelischen Kirche“
Laufzeit: seit 2023
Bearbeitet von: Horst Gorski
Laufzeit: seit 2023
Bearbeitet von: Horst Gorski
Angenommen, ein Wesen von einem anderen Stern würde uns besuchen und neben zahlreichen anderen Beobachtungen auch einen Blick auf das Leben der evangelischen Kirche in Deutschland werfen. Was würde ein solcher Ethnologe wahrnehmen? Wie käme ihm die evangelische Kirche vor? Worüber würde er staunen?
Horst Gorski unternimmt in seinen auf mehrere Beiträge angelegten Studien den Versuch, Distanz zu gewinnen und aus dieser Distanz eine Feldbeobachtung der evangelischen Kirche vorzunehmen. Dabei unterscheidet er sich vom Besucher von einem anderen Stern dadurch, dass er über mehr als 40 Jahre eigener beruflicher Erfahrung in der evangelischen Kirche verfügt. Genau diese Feldkenntnis nutzt er, um mit Hilfe von methodengestützter Distanz und Verfremdung zu verstehen, was er sieht. Dabei kommen gesellschafts-, diskurs-, system- und institutionentheoretische Ansätze zum Einsatz.
Gorski stellt fest, dass manche der drängendsten Fragen der Gegenwart zu Zeiten seines Berufseinstiegs 1983 sich entweder gerade bildeten oder in den Fokus der Aufmerksamkeit rückten. Die Vollversammlung des Ökumenischen Rates in Vancouver beschloss einen „Konziliaren Prozess zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“. Ebenfalls 1983 protestierten eine halbe Million Menschen im Bonner Hofgarten gegen den Nato-Doppelbeschluss. Unter dem Stichwort „Ausländerfreundlichkeit“ wurden erste Debatten um eine offene, multikulturelle Gesellschaft geführt. Die EKD veröffentlichte 1985 ihre Demokratiedenkschrift. Bundespräsident Richard von Weizsäcker nannte den 8. Mai 1945 erstmals einen „Tag der Befreiung“. Die Debatten um Lebensformen, Geschlechtergerechtigkeit und Diversität hatten gerade begonnen. Die Kirche sah sich zunehmenden Austrittszahlen gegenüber und stand vor einem enormen Modernisierungsprozess mit der Ansage: Wenn ihr nicht menschennäher werdet, wird diese Kirche keine Zukunft haben.
Diese Themen – Klima, Nachhaltigkeit, Frieden, globale Gerechtigkeit, Demokratie, offene Gesellschaft, Diversität, Struktur- und Modernisierungsprozesse – beschäftigen Kirche und Gesellschaft noch heute, und dringlicher als damals. Die Hoffnung, man würde diese Probleme lösen können, indem Gesellschaft und Politik vernunftgerichtete Diskurse führen und sachgerechte Entscheidungen treffen, hat sich als irrig herausgestellt. Auch die evangelische Kirche mit ihrem Beitrag zu diesen Themen hat daran wenig ändern können. Die aktuelle Situation kann man als „gestauchte Zukunft“ bezeichnen. Dieses Bild drückt den Handlungsdruck aus, der sich wie in einer „Knautschzone“ aufgestaut hat und nun in kürzester Zeit abgebaut werden soll, um Katastrophen auf nahezu allen Gebieten abzuwenden.
Im ersten Beitrag, der den Titel "Kirchliches Leben aus der Vogelperspektive" trägt und hier heruntergeladen werden kann, begründet Gorski seinen Denkansatz und entfaltet die von ihm in den Blick genommenen methodischen Zugänge. Dabei wird an vielen Konkretionen bereits deutlich, wie gewinnbringend diese Zugänge für ein Verstehen der evangelischen Kirche der Gegenwart sind. Möglich, dass sie über das Verstehen hinaus auch Hinweise auf die Gestaltung der Zukunft eröffnen.
Der zweite Beitrag von Horst Gorski trägt den Titel „Kirche in der demokratischen Gesellschaft. Vom Weg in die Moderne und dem Ringen, auf der ‚richtigen‘ Seite zu stehen.“ Dabei geht es unter anderem um die Selbstdiskursivierung der evangelischen Kirche in der Gesellschaft, um politische Ethik, um den Verbandsprotestantismus und um Dietrich Bonhoeffer. Sie können die Studie hier herunterladen.

