Call for Abstracts: Illiberales Christentum

Quelle: FEST Heidelberg

Call for Abstracts: 
Illiberales Christentum
Christliche Akteure und der Aufstieg der ‚Neuen Rechten‘
 
Welche Bedeutung kommt christlich-religiösen Akteuren bei der Verbreitung illiberaler Weltanschauungen in den liberaldemokratischen Gesellschaften zu? Wie tragen sie dazu bei, die Erwartungshaltungen der Bürger:innen gegenüber dem Gemeinwesen gemäß den machtpolitischen Interessen der ‚Neuen Rechten‘ zu formen? Wie organisieren sie sich und welche Netzwerke bilden sie?
Unser Ziel ist es, diverse religionsbezogene Forschungen zu diesen Fragen zu bündeln und im Rahmen eines interdisziplinären Workshops zu diskutieren. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Deutschland, wird aber durch die Berücksichtigung der transatlantischen und innereuropäischen Dimension dieser ideenpolitischen Bewegung ergänzt.
Der Workshop wird vom 15. bis 18.10.2026 an der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) in Heidelberg durchgeführt. Neben den Impulsbeiträgen wird es eine Reihe von Keynote-Vorträgen geben.
Bis 05.01.2026 können Vorschläge für Impulsreferate oder Lektüreberichte (~20 Minuten) an uns geschickt werden. Die Vorschläge (~300 Worte) sollten sich grob an den im CfA genannten Fragen orientieren. Zusätzlich bitten wir darum, eine kurze Selbstvorstellung beizulegen.
Bitte schicken Sie die kurze Bewerbung an: magnus.schlette@fest-heidelberg.de.
Organisation: Magnus Schlette (FEST/U Heidelberg), Max Stange (LMU München), Rasmus Wittekind (U Bonn) und Franziska Schade (Ev. Studienwerk Villigst) in Kooperation der FEST mit dem Evangelischen Studienwerk Villigst e. V.
 
Krise der liberalen Demokratie
Das Selbstverständnis liberaldemokratischer Gesellschaften wird durch wachsende Frustration über den Zustand des politischen Systems gefährdet. Die Verständigungsbereitschaft schwindet, der politische Streit polarisiert sich zusehends und der öffentliche Raum wird zunehmend als Kampfplatz von Gesinnungsgemeinschaften wahrgenommen, die einander immer unversöhnlicher gegenüberstehen. Diese immer tieferen Verwerfungen zeigen an, dass die liberale Demokratie in der Krise steckt. Denn sie ist darauf angewiesen, dass die ihr entsprechende Lebensform und die damit verbundene Gemeinwohlvorstellung vom Großteil der Bürger:innen geteilt werden. Verlieren diese ihre Plausibilität, gerät die staatliche Ordnung unter Druck.
Nun ist das Unbehagen mit liberalen Gemeinwohlvor­stel­lungen nicht neu. Es bildete bereits in den 1980er Jahren den Kern der Kommunitarismus-Debatte, die sich an John Rawls’ Theory of Justice entzündete. Dabei wurden jedoch die Ideale des Liberalismus nicht prinzipiell in Frage gestellt. Zurzeit hat dagegen in nahezu allen Gesellschaften der westlichen Hemisphäre eine Liberalismuskritik Auftrieb, die eine illiberale Umdeutung der Grundlagen des modernen Staates vorantreibt.
 
Illiberale Politik als weltanschaulich fundierte Politik
Unsere zentrale Annahme lautet, dass sich hinter der illiberalen Umdeutung der Grundlagen moderner Staatlichkeit ein weltanschaulich grundiertes politisches Programm ausmachen lässt, dessen Verfechter:innen unter Titeln wie ‚Neue Rechte‘ oder ‚Altright‘ auftreten oder adressiert werden. Zur Durchsetzung ihrer politischen Interessen greifen diese auf Strategien zurück, die von Denkern der Linken entwickelt wurden und deren ursprünglich emanzipatorische Funktion nun illiberal umgedeutet wird. Mit Antonio Gramsci zielen sie auf kulturelle Hegemonie. Damit ist die durch Wissenschaft, Kultur und Medien vermittelte, zielgerichtete Gestaltung von Weltwahrnehmung und handlungsleitenden Ideen im vorpolitischen Raum gemeint. Es geht dabei um eine Neubestimmung des Rahmens, in dem politische Debatten geführt werden, einschließlich der Etablierung neuer Selbstverständlichkeiten. Entsprechend der von Chantal Mouffe und Ernesto Laclau entwickelten Diskurstheorie der Äquivalenzketten wird zudem versucht, eine politische Gegenmacht zu etablieren und  Allianzen zwischen Bewegungen und Gruppen zu knüpfen, die zwar unterschiedliche Interessen verfolgen, aber identitätskonstitu­tive Berührungspunkte gegenüber dem gemeinsamen Anderen besitzen. Ziel dieser Strategie ist, die Bereitschaft der Bürger:innen zur Wahl von Parteien oder Politiker:innen zu erhöhen, die das liberaldemokratische System als ganzes infrage stellen.
Diese Strategie setzt wiederum voraus, dass es in der Bevölkerung Ideen und Praktiken gibt, die für illiberale Deutungen anschlussfähig sind oder ihnen sogar entgegenkommen und sich dementsprechend im Sinne der Neuen Rechten mobilisieren lassen.
 
Christliche Milieus und Illiberalismus
Wir wollen uns in unserem Workshop der Frage widmen, inwiefern christliche Milieus für die Agenda der Neuen Rechten empfänglich sind bzw. inwiefern die in ihnen gepflegten Vorstellungen eines guten gemeinsamen Lebens für eine Umdeutung in deren Sinne anschlussfähig sind. Dabei sehen wir fünf Ebenen, auf denen sich diese Frage untersuchen lässt:
 
(1)   die Ebene der milieuspezifischer Semantiken und illiberaler Deutungsmöglichkeiten christlicher Ideen
(2)   die Ebene religiöser Praktiken, die im Sinne illiberaler Politik angeeignet werden können
(3)   die Ebene der Netzwerke zwischen Religion, Think-Tanks und Politik
(4)   die Ebene des internationalen und interkonfessionellen Austauschs (zum Beispiel zwischen katholischen Integralisten und protestantischen Freikirchlern)
(5)   die Ebene ‚neurechter‘ Strategien, Christ:innen für ihre Zwecke zu mobilisieren
 
In der Auseinandersetzung mit der genannten Frage soll auch der Horizont offen gehalten werden für das Potential christlicher Religion, zur Resistenz von Bürger:innen in Bezug auf illiberale Gemeinwohlvorstellungen beizutragen.
Ansprechpartner

Prof. Dr. Magnus Schlette

Leiter des Arbeitsbereichs “Theologie und Naturwissenschaft”