Digitale und hybride Formen von Kirche haben seit der Coronapandemie weltweit an Bedeutung gewonnen und gehören für viele weiterhin zum kirchlichen Alltag. Durch diese Formen verändert sich das, was theologisch mit dem Begriff „Kirche“ gefasst wird: Die Vergemeinschaftungen der Glaubenden in ihren sichtbaren, personalen, leiblichen, räumlich und zeitlich umgrenzten Gestalten und entsprechenden Gestaltungsformaten. Die Orte, wo „das Evangelium rein verkündet und die Sakramente recht verwaltet“ (CA 7) differenzieren sich und hybridisieren.
Adressiert sind damit fünf Themenfelder der Ekklesiologie: Erstens ermöglichen die Lebensgewohnheiten in Onlineumgebungen und die Kommunikationsstrukturen etwa in sozialen Netzwerken neue Formen von Gemeinschaft. Sie verändern damit den Sinn für Zugehörigkeit, Bindung Identifikation und Commitment und verstärken somit eine auch offline zu beobachtende Tendenz zur Nutzung kirchlicher Angebote jenseits von institutioneller Zugehörigkeit, formaler Mitgliedschaft sowie zeitlicher und räumlicher Umgrenztheit. Zweitens diversifizieren sich die Akteur*innen, die als religiös erkennbar werden oder sich erkennbar machen. Deutlich erkennbar hier ist – im Sinn der gegenwärtig intensiv diskutierten „Agencies“ – die Vielfalt von Gruppen, Netzwerken, Bewegungen und Personen, die sich institutionell am Rand oder außerhalb verfasster Religiosität verstehen und religiöse Themen adressieren, bzw. Glaubensvorstellungen artikulieren. Mit neuen Akteuren entstehen drittens neue religiöse Formen, etwa in der Verkündigung. Dabei ergeben sich online andere Plausibilisierungskriterien religiöser Kommunikation und Rituale. Diese Formen erschließen zum einen möglicherweise ein neues Publikum neben den gewohnten Sonntagsgottesdiensten und stehen daher weniger in Konkurrenz als vielmehr in Ergänzung zu bestehenden liturgischen Formen – zumindest im Blick auf mögliche Nutzer*innen. Zugleich steht mit dieser Plausibilisierungsfrage auch der Aspekt der stärkeren verantwortlichen Gestaltung von und Partizipation an theologischer Kommunikation und Deutung im Raum. In sachlicher Nähe dazu kommt viertens in einer neuen Weise der Zusammenhang von öffentlicher Verkündigung und privater Religiosität in den Blick: Auf der einen Seite ist rituelle Praxis Ausdruck individueller und persönlicher Überzeugungen und Erfahrungen, auf der anderen Seite sind die religiösen Rituale öffentliche Praktiken im Sinn eines individuellen religiösen „Prosumerism“. All diese Überlegungen stehen fünftens im Kontext der Debatten um kirchliche Transformationsprozesse im Ganzen. Der Ruf nach hybriden Formen von Kirche in der Überblendung von online und offline ist dabei mehr Wunsch als derzeitige Gestaltungsoption. Verkompliziert wird diese Verbindung dadurch, dass sich digitale Formen religiösen Lebens oft durch eine inter- oder postkonfessionelle Identität kennzeichnen, deren internationale Vernetzung mit bestehenden Formen verfasster Kirche oft schwer in Verbindung zu bringen ist. Angesichts des reichen digitalen religiösen Lebens jenseits von institutionalisierter Kirchlichkeit stellt sich hier die Frage nach dem Verhältnis von Institution, Organisation und Bewegung in neuem Gewand.
Diese Verschiebungen nicht nur zu beschreiben, sondern im Blick auf ihre ekklesiologischen Implikationen zu reflektieren, ist Anliegen der im Projekt zu entwickelnden digitalen Ekklesiologie. Ziel ist die Entwicklung eines kollaborativ verfassten monographischen ekklesiologischen Entwurfs einer Ekklesiologie und Kirchentheorie digitaler Kirche. Den Kern stellt eine Thesenreihe dar, die gemeinsam verfasst werden soll. Diese wird in mehreren Kapiteln von Autor*innenteams ausgeführt.
Die Arbeitsgruppe wird geleitet von PD Dr. Frederike van Oorschot (Leiterin des Arbeitsbereichs „Religion, Recht und Kultur“ an der FEST Heidelberg) und Prof. Dr. Thomas Schlag, Leiter des Universitären Forschungsschwerpunkts „Digital Religion(s). Communication, Interaction and Transformation in the Digital Society“ (2021-2032) an der Universität Zürich.
Das Projekt ist eine wissenschaftliche Vertiefung der von 2019-2022 durchgeführten Workshops „Digital – Parochial – Global“.
Zum Thema "Church and AI" findet am 16-18.Juni 2026 eine international Konsultation in Zürich statt in Kooperation mit dem Global Network for Digital Theology. Weitere Informationen finden Sie im Call for Paper:

