Historie

 
Die Evangelische Studiengemeinschaft entstand 1957/58 durch die Zusammenlegung zweier kleiner wissenschaftlicher Institutionen in kirchlicher Trägerschaft: der Studiengemeinschaft der Evangelischen Akademien in Bad Boll mit ihrer angesehenen Kommission zur Erforschung des Marxismus und des Christophorus-Stift in Hemer (Westfalen), das neben kirchenrechtlichen Untersuchungen (Hans Dombois) vor allem den Dialog zwischen der Quantenphysik, der Theologie und der Philosophie betrieb (Günter Howe). Zum ersten Leiter der in Heidelberg neu eingerichteten „Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft“ (FEST) wurde der Philosoph und Bildungsreformer Georg Picht berufen, der seit 1964 auch den Lehrstuhl für Religionsphilosophie an der Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg innehatte. Der erste Vorsitzende des neu berufenen wissenschaftlichen Kuratoriums war Ludwig Raiser, Vorstandsvorsitzender war der westfälische Vizepräsident Karl Lücking. Beide hatten maßgeblichen Anteil am Zustandekommen der Neugründung.

FESTAm 26. April 1957 beschloss das Kuratorium auf seiner konstituierenden Sitzung, der Bitte des Evangelischen Militärbischofs Kunst nachzukommen und eine interdisziplinäre Kommission zu berufen, die nach den theologischen Implikationen des durch die Atomwaffen revolutionierten Kriegsbildes fragen sollte. Damals drohten die vehementen Auseinandersetzungen um die Einrichtung der Militärseelsorge und um eine mögliche atomare Bewaffnung der Bundeswehr die Kirche zu spalten. Nach erbitterten Diskussionen einigte sich die Kommission zwei Jahre später auf die von Carl Friedrich von Weizsäcker formulierten „Heidelberger Thesen“ zum Umgang der Kirchen mit der Atomwaffenproblematik. Diese Thesen spielen bis heute in der Diskussion über die ethischen Aspekte der atomaren Rüstung eine wichtige Rolle.

Von Beginn an folgten die Arbeiten der FEST drei Prinzipien, die trotz aller Veränderungen des Instituts auch heute noch gelten:

1. die Forderung nach Interdisziplinarität als einer angemessenen Methode, um die eng verflochtenen und oft wechselwirkenden Prozesse der modernen Welt zu erfassen. Dabei ist klar, dass disziplinäre Kompetenz die Vorbedingung von interdisziplinärer Wissenschaft ist.

2. die Überzeugung, dass Christen eine Verantwortung für die politische Gestaltung der Welt tragen. Aus ihr begründet sich das Gewicht der Politik-Beratung in den meisten Arbeitsfeldern des Institutes. Dabei ist klar, dass solche Beratung niemals parteiengebunden sein darf.

3. die Erkenntnis, dass im Zeitalter der von Wissenschaft und Technik ebenso geprägten wie gefährdeten Zivilisation die Kritik an der Wissenschaft selbst ein unverzichtbarer Bestandteil des Forschungsprozesses ist. Dabei ist klar, dass der Philosophie als der „Wissenschaft von der Wissenschaft“ eine gewichtige Rolle zukommt.

In den sechziger Jahren wurde die FEST Schritt für Schritt ausgebaut: Theologen, Naturwissenschaftler, Sozialwissenschaftler und Ökonomen wurden gewonnen. Die Infrastruktur konnte erweitert werden. All dies ermöglichte dem Institut, größere Projekte durchzuführen. Neben den kontinuierlich weiterarbeitenden Arbeitsgruppen wurden die beiden großen Kommissionen eingerichtet, die in Anknüpfung an „Atomzeitalter – Krieg und Frieden“ die „Studien zur gesellschaftlichen und politischen Situation der Bundeswehr“ (1965/66) vorlegten. In der 1960er und 1970er Jahren haben FEST-Wissenschaftler zusammen mit externen Wissenschaftlern in fünf Gruppen an einem Friedensforschungsprojekt teilgenommen, das insbesondere nach dem möglichen Beitrag von Theologie und Kirche zum Frieden als der Überlebensbedingung der Menschen in der Epoche der Massenvernichtungswaffen fragte. 15 „Studien zur Friedensforschung“ sowie eine ganze Reihe von Bänden in den „Forschungen und Berich­ten“ (Klett-Cotta) und in den „Texten und Materialien“ (FEST) enthalten Ergebnisse dieser Arbeit, die sich im Laufe der Jahre thematisch immer stärker ausfächerte.

Die vielfältigen Beratungsaktivitäten der FEST wurden ermöglicht und getragen durch einen breiten Sockel an Grundlagenforschung in Theologie, Philosophie, Rechtswissenschaft, Theorie der Naturwissenschaften, 
Ethik der Medizin, Ökologie, Ökonomie und nicht zuletzt in den Bemühungen um eine theoretische Fundierung der neu entstehenden Friedensforschung. Arbeiten am Werk Dietrich Bonhoeffers bildeten seit dem Eintritt von Heinz 
Eduard Tödt und Ilse Tödt in die FEST 1961 einen weiteren Schwerpunkt.

Wöchentlich diskutierte das Kollegium historische, systematische und methodische Themen, zu denen alle beitragen konnten. Einmal im Jahr war eine ganze Woche der eingehenden Erörterung philosophischer Fragestellungen gewidmet. An diesen „Philosophen-Gesprächen“, zu denen auswärtige Referenten eingeladen waren, nahmen das Kollegium sowie Mitglieder des Kuratoriums teil. Das Kuratorium selbst behandelte über Jahre Fragen zu den „Voraussetzungen der Wissenschaft“.

Nach dem Tode von Georg Picht 1982 berief der Vorstand den Politikwissenschaftler Klaus von Schubert zum Leiter. Er initiierte die gemeinsam mit anderen Forschungsinstituten jährlich erscheinenden „Friedensgutachten“ und knüpfte neue Kontakte mit Rüstungskontroll-Spezialisten im westlichen sowie vor allem im östlichen Ausland. Ihm waren nur noch fünf Lebensjahre vergönnt. Sein Nachfolger wurde, nach der kommissarischen Leitung durch den Soziologen Johannes Schwerdtfeger, der Philosoph Heinz Wismann. Ihm folgte als nebenamtlicher Leiter von 2003–2006 der Tübinger Theologe Eberhard Jüngel. Von 20072011 wurde die FEST nebenamtlich von dem Heidelberger Rechtswissenschaftler für deutsches und europäisches Verwaltungsrecht Eberhard Schmidt-Aßmann geleitet. Seit 2012 ist Klaus Tanner, Ordinarius der Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg für Systematische Theologie und Ethik, nebenamtlicher Leiter der FEST.

FESTWaren die ersten zweieinhalb Jahrzehnte der FEST durch einen behutsam geplanten, konsequent durchgeführten und von den Kirchen großzügig geförderten Auf- und Ausbau gekennzeichnet, so mussten in den folgenden Jahren die Erschließung neuer Arbeitsfelder und die thematische Weiterentwicklung der Arbeiten unter schwierigeren Bedingungen bewältigt werden. In einer Zeit der sinkenden kirchlichen Einnahmen wurde die Bestandserhaltung selbst zu einer wichtigen Aufgabe. Drittmittel gewannen größere Bedeutung. Den veränderten Zeitumständen, insbesondere nach 1989, mussten auch die Gremien angepasst werden.

Die inhaltliche Arbeit bekam neue Schwerpunkte. Neben „Frieden“ trat „Nachhaltige Entwicklung“, neben „das Recht der Kirche“ traten „Religion und Kultur“, die Naturwissenschaft nahm die „Künstliche Intelligenz“ in den Blick. Große Aufgabenfelder öffneten sich vor allem für den Dialog zwischen Theologie und Sozialwissenschaften sowie für die Ökologie im weitesten Sinne des Wortes. Das Interesse der Kirchen an den Arbeiten der FEST besteht nach wie vor, es ist eher gewachsen.

Constanze Eisenbart

Das "Christophorus-Stift" in Heidelberg, FAZ v. 29.06.1960

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